Christian Awe ist erfolgreicher Urban Art Künstler. Aus Acryl und Sprühlack schafft er außergewöhnlich farbintensive Gemälde. Früher war er Teil der Graffiti- und Street Art-Szene von Berlin. Vom illegalen Sprayer hat er den Sprung in die Kunstgalerien dieser Welt geschafft. Heute gestaltet er ganze Hausfassaden und stellt seine Malerei zwischen Istanbul, Russland und Miami aus. Mit uns spricht der 1978 geborene, urbane Expressionist über Kreativität, Kommerz und die Schattenseiten des Künstlerdaseins.

Wir haben ja Glück, dich zu erwischen. Du bist verdammt viel unterwegs.

Ja, es ist wirklich ziemlich viel. Gestern war ich in Amsterdam, davor in Paris und Bordeaux. Gerade bin ich in Berlin, aber mache mich schon auf den Weg nach Brilon, in der Nähe von Paderborn. Dort eröffnet am Freitag meine Einzelausstellung im Museum Haus Hövener. Danach fahre ich nach Dresden zur Ostrale, einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Ich freue mich, dass ich auch in dieser kulturell faszinierenden Stadt meine Bilder zeigen darf.

Du bist beteiligt an dem Projekt „The Young Mesopotamiens“, das sich den Wiederaufbau von Kunst und Kultur im Irak zum Ziel gemacht hat. Außerdem wird gerade eine Langzeitdokumentation über dich gedreht. Kommst du überhaupt zur Kunst?

Natürlich. Obwohl ich in den letzten fünf Jahren viel unterwegs bin – circa ein Drittel des Jahres – finde ich die Zeit, kreativ zu sein. Das ist für mich das A und O. Jede freie Minute wird gemalt.

Definier uns die Kunst von Christian Awe?

Urbaner Expressionismus trifft Farbexplosion = Lebensenergie.

Angefangen zu malen habe ich auf der Straße. Dann begeisterte ich mich für die Expressionisten. Über Kirchner und Heckel landete ich dann bei Picasso und Matisse. Für mich war das wie eine Offenbarung. Dann fing ich an zu studieren. Eine künstlerische Entwicklung über 20 Jahre. Technisch sprühe ich und male Farbschicht auf Farbschicht, kratze dann vereinzelt Stellen wieder frei und Darunterliegendes kommt wieder zum Vorschein. So bin ich mein eigener künstlerischer Archäologe.

Dein aktuelles Projekt?

Ich bin in Vorbereitung auf meine Ausstellungen im Kunstverein Heppenheim im September 2013 und in der Galerie Ludorff in Düsseldorff in 2014. Ganz aktuell stehe ich kurz vor der Realisierung zweier Wandbilder für das Kulturhaus Karlshorst in Berlin-Lichtenberg. Die Stadt Berlin, vertreten durch den Bezirk Lichtenberg, hat mich damit beauftragt. Im November geht’s für Wandarbeiten nach Detroit und im Anschluss nach Miami. Wandbilder finde ich sehr spannend, da ich die Menschen so direkt erreiche.

Deine Herangehensweise?

Bei Wandprojekten kommt es bei der Auswahl des Motivs ganz auf die Umgebung an. Die Bilder sollten sich individuell einpassen und den Ort kulturell verankern.

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Photo by Klaus Dombrowsky

Was hält dich von der Arbeit ab?

Gutes Wetter, hahaha – und Basketball. Ich habe als Jugendlicher sehr ambitioniert Streetball gespielt und mache es heute immer noch gern. Aber mal im Ernst, besonders viel Zeit geht für die Organisation drauf. Ich will da niemandem die romantische Vorstellung von einem Künstlerleben zerstören. Aber bis man die ganzen Anträge gestellt und die Genehmigungen für die Wandarbeiten durch hat, kann unter Umständen ein ganzes Jahr vergehen. Es dauert manchmal ewig, bis man endlich anfangen kann. Oft frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Ich will doch malen!

Kunst und Familie, geht das?

Natürlich, obwohl man viel Unterstützung braucht, denn Kunst ist oft sehr vereinnahmend. Man konzentriert sich voll und ganz auf seine Sache und will diese nach vorne bringen. Dazu braucht wirklich viel Verständnis und eine Familie, die mir hin und wieder den Rücken frei hält.

Dein Ort der Inspiration, wo und wann malst Du am liebsten?

Ich bin gern am Meer, da kann ich gut auftanken. Am liebsten male ich in der Sonne, aber auch nachts. Die Sonne schafft gute Laune und ich fühle mich frei, bin stärker motiviert. Die Arbeiten gehen leichter von der Hand. Ab Mitternacht kann ich so richtig loslegen, da ist es ruhig ist und ich bin am kreativsten.

Heute ist ja jeder ein Kreativer. Man bekommt keinen Job mehr ohne den Softskill Kreativität. Es gibt eine ganze Branche, die sich „creative industry“ nennt. Wie unterscheidet sich deine Kreativität von der der anderen?

Ich bin in meiner Kreativität frei und an keinen Mehrwert gebunden – bin nur meiner Vision verpflichtet.

Meiner Meinung nach sind es gerade Künstler, die Utopien entwickeln, Impulse für Veränderungen in der Gesellschaft geben und so zu neuen Lösungen anregen.

Denkst du bei deinen Arbeiten über Kommerz nach?

Beim Malen – nein. Aber generell natürlich, ich lebe ja davon.  Der Prozess ist oft ein kreativer Leidensweg. Das kann einen auch fertig machen. Künstler sind nicht unbedingt glückliche Menschen – obwohl wir unsere eigene Welt erschaffen.

Man sagt ja: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Wem schmeckt deine Kunst?

Das geht von jung bis alt. Darüber bin ich natürlich sehr froh. Das fing in Deutschland an und ist nun sehr international. Vor Jahren arbeitete ich hauptsächlich figürlich – nun seit Jahren abstrakt. Einige Kunstinteressierte begleiten mich schon über einen langen Zeitraum, sind Sammler und sogar Freunde geworden.

Bist du mutig?

Natürlich. Künstler sind äußerst mutig. Sie schaffen aus innerer Überzeugung, so auch ich. Komme was wolle. Anders kann ich gar nicht Neues kreieren. Ohne Mut würde die Kunst wohl langweilig werden.

Bist du glücklich?

Mit dem, was ich mache? Ja! Grenzen ausloten, mich immer weiterzuentwickeln, das ist mir wichtig.  Als Künstler muss man stets am Ball bleiben, Kontakte pflegen, sich mit Künstlerkollegen austauschen. So oft es geht, in nationalen und internationalen Ausstellungen präsent sein, vor allem aber immer kreativ sein. Da bleiben schon mal private Dinge auf der Strecke. Leider. Oftmals hätte ich gern viel mehr Zeit für Freunde und Familie. Aber ich habe mich bewusst für das Künstlerleben entschieden. Gerade dieses Ungewisse fordert mich heraus. Mein Leben ist tatsächlich ein ungewöhnlich aufregendes.

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