Die junge Generation der Türkei leitet eine disziplinierte Revolution via Twitter.

„Für mich sind soziale Netzwerke die größte Bedrohung für die Gesellschaft.“ so der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor einigen Wochen im Fernsehen. Das sagte der Mann, der verhinderte, dass die Massenmedien der Türkei über die Ereignisse auf dem Taksim Platz berichten. Das sagte der Mann, der gerne unbeobachtet und im Stillen Tausende Polizisten gegen Hunderttausende Demonstranten gehetzt hätte. Es sprach ein Mann ohne Gewissen.

Ohne die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter, hätten wir hier in Deutschland und der Rest der Welt kaum etwas von Ereignissen in der Türkei erfahren. Niemand hätte erfahren, dass fünf Menschen sterben mussten, unzählige verletzt wurden und nahezu die ganze Türkei nun traumatisiert ist.

Aber zurück zum Anfang. Es begann nämlich weniger brutal, traurig und grausam. Es begann mit einem friedlichen Protest. Ein paar hunderte Studenten, Künstlern und Intellektuelle, die gegen den Abriss des Gezi Parks waren zelteten Tagelang vor Ort. Sie wollten den Abriss des Parks verhindern, denn die einzige Grünfläche in Taksim sollte einem Einkaufszentrum Platz machen. Es gibt keinen Grund und keine Rechtfertigung für das was dann am 31.05. passierte. Erdogan ließ den Gezi park von Hunderten Polizisten mit Wasserwerfern und Tränengas räumen. Es wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob in Zelten Babies oder ältere Menschen sind. Das Szenario war erschreckend brutal und löste eine Welle der Empörung und Unverständnis bei den türkischen Bürgern aus. Binnen weniger Sekunden wurden unzählige Bilder und Informationen des Geschehens im Internet verbreitet. Tausende Junge Menschen vereinten sich und gingen zum Gezi Park und Taksim Platz. Hier begann die Revolution.

Die politischen Ereignisse rund um Erdogan hatte in den letzten Jahren für viel Wut und Verständnislosigkeit gesorgt. Die schleichende Islamisierung und die Durchsetzung Erdogans Ideologie fand bei einem großen Teil des Volkes keinen Zuspruch. Im Mai verabschiedete der Ministerpräsident einen Gesetz zum Alkoholverbot. Seit dem ist es den Menschen in der Türkei nicht mehr möglich, in der Zeit von 22 Uhr bis 5 Uhr in der Früh Alkohol zu kaufen. Außerdem dürfen alkoholische Getränke und Zigaretten nicht mehr im Fernsehen und Kino nicht mehr gezeigt werden. Bei den Menschen hatten sich Emotionen angestaut, die nun in Form einer Demonstration Ausdruck finden konnte. Seit dem 31.05. demonstrieren Hunderttausende gegen die Regierung von Recep Tyyip Erdogan, die die Türkei zu einem autoritären Staat werden lässt.

Die Revolution wird über Twitter und Facebook organisiert. Die Beteiligten tauschen wichtige Informationen über die sozialen Netzwerke aus. Es wird getwittert wo die Polizei aktuell Gewalt ausübt und mit Tränengas und Wasserwerfen angreift. Online werden freiwillige Ärzte und Anwälte mobilisiert, die Standorte angeben wo sie den Demonstranten helfen können. So glich eine der Starbucks Filialen in Taksim und die bekannte Dolmabahnce Moschee einer Notaufnahme. Die Ärzte waren so gut organisiert und ausgestattet, dass sie sogar in der Lage waren in der Moschee kleinere Operationen durchzuführen. Fehlten Medikamente oder brauchte einer der Verletzten eine Bluttransfusion, so wurden sofort Aufrufe bei twitter gestartet und es fanden sich sofort helfende Menschen. Die Ärzte wurden von der Polizei festgenommen. Warum? Weil sie hilfebedürftigen Menschen halfen? Weil sie ihre Pflichten als Ärzte erfüllten?

Wird der Taksim Platz angegriffen so twittern binnen weniger Sekunden tausende Menschen, dass andere Demonstranten nicht mehr kommen sollen. Sofort wird ein neuer Treffpunkt ausgemacht. Hashtags wie occupygezi, occupyistanbul, direntaksim, direngeziparki waren bereits am zweiten Tag der Aufstände die meist gesuchten und genutzten Hashtags in der Türkei. Sie werden genutzt, um alles rund um die Ereignisse zu verbreiten. Menschen die Hilfe benötigen Twittern ihren Standort und es reagieren hilfsbereite Menschen die zu ihnen eilen möchten. Es werden Standpunkte über Twitter verbreitet, an denen freiwillige Gasmasken, Milch und Zitronen gegen das Tränengas verteilen. Bilder von Verletzten Demonstranten und Videos, die die Gewalt der Polizei zeigen werden tausendfach geteilt. Unter dem Motto „hast du eine Kamera, bist auch du ein Journalist“ animieren sich die Demonstranten gegenseitig mehr zu filmen, zu fotografieren, posten und twittern.

Kein Wunder, dass auf dem Taksim Platz und rund um das Gebiet das Netz lahmgelegt wurde. Kein Internetzugang und nicht mehr die Möglichkeit zu telefonieren oder Nachrichten zu verschicken. Kein Twitter. Kein Facebook. Man dachte wohl so könne man die ungerechtfertigten Taten der Polizei geheim halten. Aber das Volk weiß sich zu helfen. Viele Haushalte und Restaurants geben über das Internet ihren Wlan-Zugang preis, um den Demonstranten zu helfen. So können die meisten weiter Twittern und ihre Revolution arrangieren. Es scheint so als seien die Jungen Menschen Istanbuls, die ihre Accounts zur Zeit nur für die Kommunikation Rund um die Revolution nutzen selber über ihre Energie und Power überrascht. Ihnen wird bewusst was sie alles mit einem Tweet oder geposteten Bild auslösen und bewirken können.

„Let everyone know.. Press in turkey is not working.. is People dying on the streets? Turkey is suffering ! Tweet pls : #dayangeziparki“ (Bruce Willis via Facebook)

Auch Hollywood Stars wie Bruce Willis und Madonna twittern und posten zum Thema Occupy Istanbul. Der Pianist Davide Martello flog nach Istanbul, um an einem Abend auf dem Taksim Platz auf seinem Klavier zu spielen. Er wollte nicht länger vor dem Laptop sitzen, die grausamen Bilder sehen und erschreckenden Tweets lesen. Er wollte handeln und den das türkische Volk bei ihrem Kampf um Demokratie unterstützen. Er schaffte es, dass für eine Nacht komplette Stille und Frieden auf dem Taksim Platz herrschte. Zwischen erschöpften Polizisten und aufgewühlten Demonstranten spielte er 13 Stunden ununterbrochen auf seinem Klavier. Später Twitterte der Künstler, dass die Polizei sein Instrument beschlagnahmt hatte.

Überrascht war scheinbar auch Erdogan von der Macht Twitters. So lässt er nun Bilder und Videos die Polizeiliche Gewalt zeigen löschen. Außerdem werden Accounts gesperrt und gelöscht. Vor einigen Wochen wurden über 60 Menschen, die Twitter mit den Hashtags passend zur Demonstration nutzten ausfindig gemacht und in Untersuchungshaft genommen. Sieht so Meinungsfreiheit aus? Ist das Demokratie? Sind diese jungen, gebildeten Menschen wirklich frei?

Den Hashtag #duranadam (zu deutsch der stehende Mann) benutzten innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Menschen. Es geht um einen Mann der sich einfach auf den Taksim Platz stellte und eine Fahne mit Atatürk drauf anstarrte. Acht Stunden lang stand er da, die Hände lässig in den Hosentaschen, der Blick entschlossen uns selbstbewusst. Tausende Menschen eilten sofort zu ihm und stellten sich dazu. Niemand bewegte sich, niemand sagte ein Wort. Am Ende wurde der stehende Mann und die einige die nicht schnell genug flüchten konnten festgenommen. Warum? Weil sie standen?

Die Demonstranten lassen sich nicht einschüchtern. Jede Handlung, wie die Festnahme eines stehenden Mannes lässt sie nur noch mutiger werden. Sie organisieren sich neu. Sie werden immer mehr und immer stärker. Sie sind entschlossen und nehmen die Ereignise mit einer gewissen Leichtigkeit. Coole Slogans und Sprüche zieren die Hauswände Istanbuls. Sie warnen die Polizei sie habe sich mit einer Generation angelegt, die bei GTA die Polizisten verprügelte. Sie schreien, dass sie Sehnsucht nach Gas haben und Küssen sich provokant auf dem Taksim Platz. Eine Provokation gegen den Ministerpräsidenten, der am liebsten öffentliche Liebesbekundungen verbieten würde. Nachdem Recep Tayyip Erdogan die Demonstranten Capulcu nannte, was so viel wie Marodeur bedeutet nahmen sie es mit Humor und machten das Wort zu einem Internationalen Begriff. Wenige Stunden nach Erdogans Rede, in der er das Wort Capulcu das erste mal nutzte gab es einen englischen Wikipedia Eintrag darüber was Capulcu sei und kreieren das Verb capulling sei. Bei Facebook setzen die jungen Mensch das Wort Capulcu vor ihren Namen. Die Capulcus beschreibt nun eine Generation junger, gebildeter Türken die nicht länger zusehen wollen, wie ihnen nach und nach ihre Menschenrechte genommen werden. Aber sind lange nicht mehr nur die Jungen Menschen die aktiv sind. Erdogan forderte Mütter auf ihre Kinder vom Taksim Platz nach Hause zu holen. Diese aber gingen auch nach Taksim und bildeten eine Menschenkette zwischen Polizei und Demonstranten. Sie schützten also ihre Kinder. Die älteren Menschen, die nicht mehr die körperlichen nicht mehr in der Lage sind den Strapazen der Revolution standzuhalten wollen nicht passiv zusehen was ihren Kindern und Enkelkindern angetan wird. So gibt es viele Videos in denen sie erzählen, dass ihre Enkelkinder ihnen nun ein Twitter und Facebook Account angelegt haben. Sie lassen sich auf den Zeitgeist ein und versuchen über das Internet Unterstützung zu leisten. In der Türkei sind alle im Sozialen Netzwerke-Fieber.

Anfang Juli fand das erste Gazdanadam (zu deutsch der Mann aus Gas) Festival in Istanbul Kadiköy statt. Zahlreiche Musiker nahmen teil und sangen gemeinsam mit dem Volk für Demokratie und Freiheit. Das Festival wurde ebenfalls über die Soziale Netzwerke organisiert. Es gab keine Werbekampagne oder ähnliches. Alles ging sehr schnell. Binnen einiger Tage wurde das großartige Event auf die Beine gestellt. Und wieder einmal bewiesen die Demonstranten wie entschlossen sie sind. Wie viel kraft sie noch haben. Dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

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