Zum 21. Mal lud das Melt Festival ein, musikalische und gesellschaftliche Vielfalt zu zelebrieren. Am Ende war es aber so viel mehr als nur das. Mit einem starken Lineup und vielen tollen Aktionen setzte das Festival ein Zeichen für Gleichberechtigung und Toleranz ohne von der Musik abzulenken.

In Zeiten, in denen ein neues Festival nach dem anderen aus dem Boden gestampft wird, der Modemarkt jedes Jahr aufs neue von Festivalkollektionen überschwemmt wird und Festivals zu riesigen kommerziellen Massenveranstaltungen geworden sind, ist das Melt viel mehr als nur ein Festival. Das Melt ist ein Zuhause. Ein Zuhause für Musikliebhaber. Ein Zuhause für Paradiesvögel. Ein Zuhause für Andersdenkende. Und vor allem, ein Zuhause für die, die in der Gesellschaft noch zu kämpfen haben. Noch nie war das so deutlich wie dieses Jahr. Auch wenn es nur für ein Wochenende im Juli existiert, sobald die riesigen Bagger sich in der Ferne erheben und man die Beats leise wabern hört, weiß man, man ist Zuhause angekommen.

Nach dem Auftakt mit Monolink und Boys Noize am Donnerstagabend auf dem Sleepless Floor startete das Melt am ersten Festivaltag mit dem Berliner DJ-Duo Local Suicide und den entspannten Klängen von The Internet. Frontfrau Syd begeisterte mit ihrer Stimme und lässigen Art. Dieser Einstieg war wohl ein Vorbote für all das was am Wochenende noch kommen sollte, denn es waren vor allem die Hip Hop Momente, die uns am meisten begeisterten. Am frühen Abend überzeugte Yellow Days mit einer ordentlichen Prise Blues und Soul und einer Stimme, die er bei einem 60-jährigen Kettenraucher geklaut haben muss. Yung Hurn, der kurzfristig für Rin eingesprungen war, hatte anscheinend nicht so richtig Bock. Semi-motiviert schlürfte er über die Bühne während im Hintergrund seine Entourage für pures Chaos sorgte. Aber das schien die Menge nicht davon abzuhalten, den neuen Star des Cloud Rap zu feiern als gäbe es kein Morgen mehr. Manches muss man einfach nicht verstehen. Newcomer Blvth dagegen rockte Superdry Sounds mit Beats, die die ganze Bühne vibrieren ließen.

Das erste Highlight des Festival Wochenendes war Tyler, The Creator. Mit einer unglaublichen Energie und Präsenz sprang er über die Bühne und hatte das Publikum voll und ganz im Griff. Zeitweise konnte man gar nicht glauben, dass der Rapper ganz alleine und nur vor einer LED-Wand performte, so faszinierend und mitreißend war die Show. Eins ist nach diesem Auftritt aber klar: Niemand tanzt so schön verrückt wie Tyler. Und dann kam sie. Die Königin des Melt. Florence Welch aka Florence and the Machine. Ungeschminkt und barfuss glitt sie nahezu schwerelos über die Bühne und wirbelte in einem langen Seidenkleid von einer Ecke zur anderen. Ein Hit folgte dem nächsten und die Menge sang beglückt jede Zeile mit. Überall wo man hinsah nur strahlende Gesichter, das Ende der Menschenmenge war nicht mehr zu erkennen. Es schien so als wäre das ganze Melt zusammen gekommen, um dieser Künstlerin zu huldigen.

 

Auch am zweiten Tag zeigte die Sonne kein erbarmen und forderte schon auf dem Zeltplatz erste Sonnenbrand-Opfer. Etwas Glitter drüber und schon wird daraus ein Kunstwerk. Viel mehr als Glitter konnte man bei der Hitze eh nicht tragen. Vielleicht lag es auch an der Hitze, dass es lange Zeit nicht richtig voll vor den Bühnen wurde. Rex Orange County war da genau der richtige Act, um etwas abzukühlen während man am Strand sitzt und den ersten eisgekühlten Gin Tonic des Abends genießt. Danach nahm der Abend langsam fahrt auf. WhoMadeWho brachten elektronische Indie Klänge und interessante Bühnenoutfits auf die Melt Stage. Doch niemand kam gegen die Outfits von Pansy und ihren Mädels an, die mit viel Drag-Power und Witz die Menge auf Fever Ray vorbereiteten. Diese enttäuschte dann leider etwas. Das Publikum lies sich nicht so richtig mitreißen und wanderte zu anderen Bühnen weiter. Beim Auftritt von Mavi Phoenix platzte der Bereich vor der Superdry Sounds Stage fast aus allen Nähten. Zu später Stunde kam dann mit The Blaze nochmal ein musikalischer und visueller Höhepunkt.

 

Viel zu schnell ist auch schon wieder Sonntag und in die Euphorie mischt sich leichte Melancholie. Die vergisst man aber sofort wieder bei den Gute-Laune-Disco-Klängen von Parcels. Unbeirrt entertainen die Australier eine eher kleines dafür aber sehr motiviertes Publikum. Die Big Wheel Stage steht am Sonntag unter dem Motto „We Still Believe“, kuratiert von The Black Madonna, die sich Unterstützung von Tijana T, Or:la und Honey Dijon holte. Und so übernahmen abermals die Frauen das Ruder beim Melt. Ganz nach dem Motto, das Beste kommt zum Schluss, sorgten The xx für den perfekten Festival Abschluss. Mit optimierter Setlist und neuem Bühnendesign, legten die drei Briten eine performance hin, die wir so noch nicht von ihnen gesehen hatten. Das sollte es aber noch nicht ganz gewesen sein. Wie jedes Jahr beim Melt, kam nach dem letzten Headliner noch ein ganz besonderes Highlight. Dieses Mal war es Mura Masa, den wir uns schon letztes Jahr so sehr im Lineup gewünscht hatten. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Alex stand zuerst schüchtern dann aber mit immer mehr Selbstbewusstsein und Freude hinter seinen Drums während Sängerin Fliss der Menge so richtig einheizte. Dementsprechend voll war es vor der Melt Selektor Stage und man wünschte sich, dass der Abend nie enden würde.

Auch wenn die Stimmung dieses Jahr so gut war wie noch nie, wirkte das Festivalgelände vor allem am Nachmittag und frühen Abend oft leer. Wie immer schienen viele Besucher nur da zu sein, um nachts zu den Elektro- und Techno-Beats durchzumachen und tagsüber auf dem Campingplatz zu verweilen. Wir würden uns etwas mehr Überschneidungen beim Publikum wünschen, denn gemeinsam feiert es sich doch schliesslich am besten. Sehr verloren wirkte dieses Jahr aber vor allem die Hauptbühne. Teilte sie sich letztes Jahr noch den Platz im Amphitheater mit der kleinen überdachten Medusa Stage, so war sie dieses Jahr ganz alleine der Dreh- und Angelpunkt des Festivals. Dadurch war der Platz vor der Bühne aber leider oft nur zur Hälfte gefüllt.

 

Alles in allem war das Melt Festival aber mal wieder ein voller Erfolg und überzeugte durch Vielfalt beim Booking aber auch Vielfalt beim Publikum. Feminismus, Selbstverwirklichung und Offenheit waren die Schlagworte beim Melt 2018. Das wurde besonders durch die Headliner – Florence and the Machine, Fever Ray und The xx – deutlich. Sie repräsentierten ein Booking, dass sich auf die Fahne geschrieben hatte einen Raum für starke Frauen und die LGBTQ-Community zu schaffen. Das ist im Jahr 2018 leider immer noch nicht selbstverständlich, wenn man sich die Lineups der anderen großen deutschen Festivals ansieht. Doch anstatt das Ganze medienwirksam auszuschlachten wurde es als Selbstverständlichkeit angesehen, die man nicht nochmal extra betonen musste. Alles hat sich ganz natürlich in das Gesamtkonzept eingefügt, ohne den Fokus von der Musik zu nehmen.

Wir applaudieren den Machern vom Melt, die dieses Jahr ein eindeutiges Zeichen für Toleranz und Gleichberechtigung gesetzt haben. Das Melt gibt einem die Hoffnung zurück, dass wir alle gemeinsam in einer offenen und toleranten Gesellschaft miteinander leben können. Wo es egal ist wen wir lieben, welches Geschlecht wir haben oder wie wir uns identifizieren. Und dann, viel zu schnell, ist auf einmal alles schon wieder vorbei und der Countdown für das Melt 2019 beginnt.

 

Hier gibt es noch mehr Fotos vom Melt 2018: