Lee Price malt fotorealistische Ölgemälde und hat ein ganz besonderes Lieblingsmotiv- sich selbst. Und zwar mit Unmengen von Junk Food und allem was sich sonst gern an den Hüften ablagert. Kunst zwischen Völlerei und Feminismus.

Wenn man Price‘ Werke nur flüchtig betrachtet, könnte man sie fälschlicherweise für Fotografien halten. Doch die 44- jährige New Yorkerin malt ihre eigenwilligen Portraits in Öl. Ihr Sujet ist sie selbst. Nackt. Oder in Unterwäsche. Umgeben von köstlich aussehenden Fressalien. Eis. Chips. Frühlingsrollen. Ihre lebensgroßen Bilder zeigen eine Frau in außergewöhnlichen Essenssituationen, herumlümmelnd auf dem Bett oder zusammengekauert in der Badewanne. Seit fast 20 Jahren ist Price nun als Künstlerin tätig und hat einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich. Doch erst jetzt hat sie mit nackten Tatsachen und ihrem Proviant den Durchbruch geschafft.

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Galerien in Manhattan L.A. und Santa Fe sind verrückt nach ihrem Œuvre. Dabei ist dies eigentlich nur durch einen Zufall entstanden. Nach ihrem Abschluss am Philadelphia’s Moore College of Art zog sie nach Los Angeles, hielt sich zunächst mit Jobs als Serviererin über Wasser. Schon damals experimentierte Sie in ihren Bildern mit Nahrungsmitteln doch der Erfolg blieb aus. „Ich habe wirklich kämpfen müssen“, erinnert sich Price. Zehn Jahre später zog Sie nach New York City. Als sie eines Abends für ein Stillleben für mehrere hundert Dollar Torten und Desserts gekauft hatte aber das Ergebnis nicht ihren Vorstellungen entsprach, improvisierte sie kurzerhand. Um die Gaumenfreuden nicht ungenutzt in den Müll zu werfen, drapierte sie sie auf einem weißen Laken, legte sich dazwischen, rief einen Freund an und ließ sich von einer Leiter aus fotografieren. Das Resultat übertrug sie daraufhin mit dem Pinsel auf die Leinwand. „Damit habe ich einen Nerv getroffen“, so die Künstlerin.

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Das hat sie wahrhaftig. Price‘ Arbeiten oszillieren zwischen Emanzipation und Konsumkritik. Sie erkunden Körperbild, Weiblichkeit und die kulturelle Beziehung zu Ernährung und sind gleichzeitig faszinierend intim und offensichtlich voyeuristisch. Inspiriert durch ihre eigenen Erfahrungen thematisiert sie das komplizierte Verhältnis von Frauen zum Essen. „Auf diese Serie bin ich gekommen, weil ich schon seit meiner Kindheit Probleme mit meinem Körper hatte. Ich war nie wirklich dick, habe aber trotzdem immer versucht Gewicht zu verlieren“. „Die Bilder sind daher sehr persönlich“. Die oft als „Bulimie Bilder“ bezeichneten Gemälde sieht sie selbst als eine Art Befreiung vom Gesellschaftsbild der perfekten Frau. „In der Gesellschaft liegt ein enormer Druck auf Frauen. Wir müssen dünn sein. Wir dürfen keinen Appetit haben, nicht nur auf Essen, auf viele Dinge. Frauen scheinen nur geben und nicht nehmen zu dürfen. In meinen Bildern zeigen die Frauen dem Betrachter: Ich werde meinen Appetit nicht verstecken.“ Frauen scheinen darauf konditioniert zu sein sich eher um die Versorgung anderer als sich selbst zu kümmern. Unmittelbar scheint ihnen durch Familie und Gesellschaft das Recht auf Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse dem der anderen nachzustehen. Eine Sünde wenn sie an sich selbst denkt. Allerdings geht es in Price Bildern nicht um Katharsis. Price Frauen sind weder dick noch schrecklich dünn aber ihr Leben scheint erdrückend von Nahrung bestimmt zu sein. Sie leben zwischen Abstinenz und totalem Kontrollverlust.

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Besonders der ihr eigene Blickwinkel, eine Art Vogelperspektive unterstreicht diesen Mangel an Beherrschung. „Es ist wie eine außerkörperliche Erfahrung“. Der Konsum von Lebensmitteln als Zwang. Die Protagonistin sieht hinab auf sich selbst, observierend, völlig bewusst ihres Handels doch nicht in der Lage es zu unterbinden. Price bildet die Dinge ab, an die wir Menschen uns klammern um aus der Realität zu flüchten, wenn sie zu unkomfortabel ist um sich mit ihr abzufinden. Auch wenn es bedeutet sich damit mehr zu schaden als zu nutzen. An Orten die für uns Frieden und Ruhe implizieren, dem eigenen Bett oder der Badewanne sind es genau diese Genussmittel, welche die Harmonie zerstören, die sie aufbauen sollen. Jedoch gibt es neben all dem Chaos und Frenetismus, emotional wie physisch auch eine positive Ebene in Price Bildern. „Ich denke meine besten Werke zeigen nicht nur die negativen Aspekte dieses Verhaltens, sondern auch den Trost den es mit sich bringt und wie absurd es ist“.

Absurd ist auch, dass für Price persönlich all die dekadenten Leckereien in ihren Gemälden tabu sind. Die Befreiung der Frau aus den Fesseln der Gesellschaft malt sie für sich selbst mit einem ganz anderen Duktus. Sie ist Veganerin und verbietet sich ihren Appetit auf Torte und Kuchen. Und nicht nur dabei hat sie geflunkert: „Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe noch nie etwas in der Badewanne gegessen“.

 Zuerst erschienen in Süddeutsche Zeitung – Rush4.

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