Als ich vor kurzem in L.A. gewesen bin, wollte ich mich nach einem ereignisreichen Tag, der dort zu 90% aus im-Stau-stehen besteht, mit etwas seichter Unterhaltung verwöhnen. Nach kurzer Suche ist die richtige Fernbedienung gefunden. Ein kurzer Ladebalken, dann eine Offenbarung. Er flimmert hell auf, taucht das Zimmer in wohlige Farben und lässt mich das wahre Leben da draußen, wo es heiß und unfreundlich ist, da wo der Stau ist, vergessen. Amerika ist die Wiege der Fernsehkultur. Der Fernseher sozialisiert hier ganze Generationen und ist Eltern ein stetig treuer und vertrauter Erziehungshelfer, Babysitter und Freund. Der Amerikaner verbringt die Hälfte seines Lebens mit Chipskrümmeln verziert vor dem grauen Spiegel der Gesellschaft. Warum? Weil er es kann! Kein Programm, das man nicht anschauen möchte. Meine Augen leuchten, meine Hände werden warm. Ein Engel mit lieblicher Stimme verkündet: „Tonight on HBO…“ alles was ich immer schon sehen wollte. Ich kicke die Schuhe vom Bett. Ich bin im Himmel.

 

Verizon bietet mir 1730 verschiedene Sender. Das ist ein Sender pro 7.000 LAianer. Praktisch hat jeder sein ganz eigenes Unterhaltungsprogramm. Ernüchternd dagegen die deutsche Fernsehlandschaft mit gefühlt drei brauchbaren Kanälen und schätzungsweise gar keinen eigenen Produktionen. Gezeigt werden Asoziale, die asoziales tun für Leute wie dich und mich – oder es wird wiederholt. Wiederholt was nicht niet- und nagelfest ist. Doch leider wird nie das wieder aufgewärmt, was ich sehen möchte. 35 Folgen „How I Met Your Mother“ jeden Tag geben mir gar nichts. Nach sechs Jahren der Suche ist noch immer nicht geheiratet worden und wenn Ted Mosby nicht doch selbst die Mutter ist, werde ich mich persönlich um Rache für so viel vergeudete Zeit bemühen. Auch die sogenannten Nachrichten- und Informationssender, auch bekannt als Hitlery-Channels, haben nur ein großes braunes Thema. Hitlers Speer, Hitlers Frauen, Hitlers Hunde, Hitlers Darm. Letzteres ist übrigens der einzige Themenabend, der mich ganz und gar fesseln konnte. Zu Hause wälze ich mich auf dem Sofa hin und her. Kanal für Kanal – nichts was ich mir ansehen will. Der Knopf zum Zappen ist der einzige, der auf der Fernbedienung schon seine Farbe verloren hat. Hell, dunkel, hell, dunkel. Seit dem digitalen Fernsehen dauert das immer länger und ich werde immer ungeduldiger. ARD, ZDF, RTL, Sat1, Pro7, nichts. Ein kurzes Blättern durch das Pergamentpapier der Fernsehzeitung. Da steht es schwarz auf weiß – es läuft nichts. Gar nichts.

 

Fernsehen 2.0

Ich verlange Entertainment. Und zwar in Form von Alf. Er isst gerne Katzen und dreht seine Runden auf der Milchstraße – bis sein Raumschiff abstürzt und er bei den Tanners auf der Erde landet. Aber alles „null Problemo“, denn die Familie nimmt den Alien bei sich auf. Die Tanners und ihr außerirdischer haariger Charlie Sheen waren die Helden meiner Kindheit. Ich hatte Alf-Pogs, Alf Zahnbürste, Alf Bettwäsche – Ich wollte Alf damals und ich will ihn heute.

Heute kriegt man überall alles genau so wie man es möchte. Niemand muss mehr Sachen von der Stange kaufen. Das eigene Müsli, die eigene Schokolade – alles kein Problem. Wer seine Schuhe nach eigenen Wünschen designen will, dem kann geholfen werden. Klamotten, Kosmetika, ja sogar Klopapier kann man mit Schnappschüssen aus dem Familienalbum bedrucken lassen, um zu gegebener Zeit in Erinnerungen zu schwelgen oder seine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen.

Alles gibt es customized, nur eins verweigert sich der Demokratie- das Fernsehen. Damit muss Schluss sein. In modernen Zeiten braucht der Mensch Mitspracherecht, bei dem was im TV gezeigt wird. Eigentlich ist mir der Mensch an sich egal. Ich brauche Mitspracherecht. Und solange mich niemand täglich anruft und fragt was ich denn heute gern sehen möchte, muss ich es selber in die Hand nehmen. Ja solange die Damen und Herren der Rundfunkanstalten nicht auf mich zu kommen, muss ich eben zu ihnen. Ich werde ein neues Zeitalter einleiten – Fernsehen 2.0 – wo das läuft was ich will.

Laut Internet besitzt das Zweite Deutsche Fernsehen die Rechte an Alf. Das Ziel ist also klar.

Ich ziehe gegen meinen persönlichen Dämon ins Gefecht; gegen die Geisel der TV-Kultur, den Programmintendanten des ZDF. Ich kenne den Mann nicht und trotzdem werde ich ihm zeigen, was pure Verzweiflung aus Menschen machen kann. Ich balle die Fäuste. Leichte Schweißperlen auf der Stirn – nicht aus Angst, sondern aus Wut. Zwei, drei Klicks und ich habe seinen Aufenthaltsort gefunden. Ich muss nach Mainz. Mit rotem Kopf besorge ich mir ein Zugticket. Je lauter ich Start- und Zielbahnhof in die Tastatur hämmere, desto entschlossener werde ich. Ich renne ins Schlafzimmer reiße eine Tasche aus dem Schrank und packe hastig mein Survival-Kit. Wasser. Apfel. Die Unterlagen meiner Rechtsschutzversicherung. Es gilt keine Zeit zu verlieren. In jeder Sekunde in, der ich nicht auf dem Weg bin, verliert sich meine Wut. Natürlich könnte ich mir das Ganze auf DVD kaufen oder online schauen aber das widerstrebt mir. Ich will es im Fernsehen sehen, mit allem was dazu gehört – dem Warten, dem Videotext und ja, auch den Werbepausen. Wer bei der Werbung wegschaltet, stiehlt Fernsehen.

 

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg. Einen Termin brauche ich nicht. Keine Rezeptionsdame ist in der Lage mich aufzuhalten. Ich setzte mich in der Bahn neben ein Mädchen.

Aus der Nähe betrachtet hat sie viel Ähnlichkeit mit Alf. Die Sonne scheint durch das Fenster des Wagons und färbt die Haare auf ihrem Gesicht in ein nussbraun. Ich sehe das als ein Zeichen – ich bin auf dem rechten Weg. Auch ich scheine sie an irgendwen zu erinnern. Ununterbrochen starrt sie mich an. Ich kann ihren Atem an meinem Hals spüren. Aber ich zwinge mich nach vorne zu blicken, ganz so als würde ich sie gar nicht bemerken. Ehrlich gesagt habe ich Angst sie anzusehen – im Fernsehen ist das immer der Moment, in dem der Mörder zuschlägt. Ich wähle also die Straussentaktik – Kopf in den Sand – was ich nicht sehe, passiert nicht. Als ich merke, dass sie ihren Mund öffnet, wird es für mich zeit das Abteil zu wechseln. Niemand hat gesagt, dass es leicht sein würde. Lang ist der Weg und beschwerlich, der aus der Hölle hinausführt ans Licht. Ich befinde mich auf einem Kreuzzug. Ich mache mich dafür bereit, meinem Feind ins Auge zu blicken und mir das zu holen, was mir zusteht.

Ich muss den Platz wechseln, um mich auf meine Mission zu konzentrieren, meine Sinne fokussieren. Nach zwei Stunden kommt die Lautsprecherdurchsage. Ich bin fast da. In der Zwischenzeit habe ich mir übrigens ein paar Folgen Alf auf dem Handy angeschaut – ich weiss sehr genau, warum die Serie nicht wiederholt wird. Sie ist scheiße. Selbst ich will mir das nicht ansehen. Innerlich verbrenne ich Pogs und Bettwäsche. Alf selbst hat meinen Plan zunichte gemacht. Was soll ich mir nur im Fernsehen ansehen? Ich verlange immer noch Entertainment – aber in welcher Form? In Mainz angekommen, suche ich auf dem Bahnsteig schon den nächsten Ticketautomaten. Defekt! Beim zweiten klappt es. Mit festem Druck auf den Touchscreen wähle ich mein neues Ziel aus. Ich fahre nach Köln zu Super RTL. Ich hole mir “Die Dinos” zurück.

 

 

 

 

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